Was wir aus unserem xMas-Game für digitale Projekte lernen können
Wir feiern Weihnachten – und gleichzeitig feiern wir die kleinen Denkfehler, die uns täglich begleiten. In unserem xMas-Game haben wir 15 Biases spielerisch verpackt.
Hier im Blogbeitrag packen wir sie fachsimpelnd aus:
Was bedeuten sie fĂĽr Webentwicklung, UX und Kommunikation?
Und wie wirken sie in digitalen Projekten – ob Landingpage, Onboarding oder Produktwelt?
1. Confirmation Bias
Wir suchen Informationen, die unsere bestehende Meinung bestätigen.
Im Web:
- Teams testen nur Varianten, die sie selbst mögen.
- User Research wird ignoriert, wenn das Ergebnis nicht zur Wunschlösung passt.
- “Die Nutzer wollen das sicher so” – ohne Daten.
Tipp: Immer gegensätzliche Hypothesen testen. Wirklich testen.
2. Anchoring Bias
Der erste Wert beeinflusst alles, was danach kommt.
Im Web:
- Der erste Preis auf einer Preisseite setzt den mentalen Anker.
- “Ab CHF 49.–” macht alle späteren Preise relativ günstig.
- Erste Ladezeit bestimmt das gesamte Qualitätsurteil.
Tipp: Anker bewusst setzen, nicht dem Zufall ĂĽberlassen.
3. Availability Heuristic
Wir überschätzen das, was uns gerade präsent ist.
Im UX-Alltag:
- Ein kritisches Nutzerfeedback → “Alle haben dieses Problem!”
- Ein Bug in der Demo → “Das System ist instabil.”
- Persönliche Erfahrung wird wichtiger eingeschätzt als Daten.
Tipp: Entscheidungen nicht auf Einzelereignisse stĂĽtzen.
4. Social Proof
Was andere tun, muss gut sein.
Auf Websites:
- Ratings, Sterne und Testimonials erhöhen Conversions massiv.
- “Beliebtestes Produkt” beeinflusst Kaufverhalten direkt.
- Ohne Proof wirkt ein Angebot riskanter.
Tipp: Social Proof ist kein Nice-to-have, sondern ein UX-Pattern.
5. Loss Aversion
Verlust schmerzt mehr, als Gewinn Freude macht.
Im Digitalen:
- “Jetzt Chance nicht verpassen” funktioniert besser als “Jetzt profitieren”.
- Kündigungsflows wirken oft härter als Registrierungsflows.
- User meiden Änderungen aus Angst vor Kontrollverlust.
Tipp: Risiken minimieren, Sicherheit signalisieren.
6. Status Quo Bias
Wir bleiben lieber beim Alten.
In Projekten:
- Alte Prozesse werden beibehalten, “weil wir es immer so gemacht haben”.
- User klicken bekannte Elemente – auch wenn das neue besser wäre.
- Replatformings scheitern am Widerstand gegen das Neue.
Tipp: Veränderungen in kleinen, verträglichen Schritten einführen.
7. Framing Effect
Wie wir etwas sagen, verändert die Wahrnehmung.
Im Webwriting:
- “90 % Erfolgsquote” ≠“10 % scheitern”.
- Positiv formulierte Onboardings reduzieren AbbrĂĽche.
- Button-Labels entscheiden ĂĽber Klick oder Nicht-Klick.
Tipp: Inhalte testen, nicht nur gestalten.
8. Choice Overload
Zu viele Optionen → Überforderung.
Typisch Web:
- Dropdowns mit 40 Einträgen.
- Navigationsmonster mit fĂĽnf Ebenen.
- 12 Tarife, die sich kaum unterscheiden.
Tipp: Weniger Auswahl = bessere Entscheidungen.
9. Endowment Effect
Wir bewerten etwas höher, wenn es uns “gehört”.
In Anwendungen:
- Personalisierte Dashboards werden kaum gelöscht, auch wenn sie schlecht funktionieren.
- Nutzer halten am eigenen Workflow fest.
- “Ihre Einstellungen wurden gespeichert” schafft Bindung.
Tipp: Personalisierung dosiert einsetzen – sie wirkt stärker als man denkt.
10. Sunk Cost Fallacy
Je mehr wir investiert haben, desto schwerer fällt der Abbruch.
In Projekten:
- “Wir haben schon so viel Zeit in dieses Feature gesteckt.”
- Dead-End-Projekte laufen Monate länger als nötig.
- Teams behalten Lösungen, obwohl Daten klar dagegen sprechen.
Tipp: Entscheidung auf Zukunftsnutzen ausrichten, nicht auf Vergangenheit.
11. Recency Bias
Jüngste Ereignisse wirken wichtiger als ältere.
Im UX-Testing:
- Der letzte Testnutzer prägt die Meinung disproportioniert.
- JĂĽngste Analytics-Peaks werden ĂĽberinterpretiert.
- Support-Tickets der letzten Woche scheinen dominanter.
Tipp: Trends langfristig betrachten.
12. IKEA Effect
Wir lieben, was wir selbst gebaut haben.
Im Team:
- Entwickler verteidigen Code, den sie selbst geschrieben haben.
- Product Owner hängen an Features, die sie initiiert haben.
- User lieben eigene Konfigurationen.
Tipp: Objektive Priorisierung, nicht Stolz.
13. Bandwagon Effect
Wenn alle es tun, machen wir mit.
Im Marketing:
- “Schon über 50’000 Nutzer” hebt Conversion Rates.
- Trend-Themen wie AI werden ĂĽberproportional priorisiert.
- Technologien werden gewählt, weil sie “jeder nutzt”.
Tipp: Differenzieren statt blind mitziehen.
14. Optimism Bias
Wir überschätzen positive Ergebnisse.
Bekannt aus Projekten:
- “Wir schaffen das locker bis Ende Q3.”
- Bugs? “Fixen wir schnell.”
- Launches? “Geht sicher problemlos.”
Tipp: Realistische Planung + Risikopuffer.
15. Survivorship Bias
Wir sehen nur die Erfolgreichen – nicht die Gescheiterten.
Im Web- und Produktdesign:
- Wir kopieren Design von erfolgreichen Apps – ohne deren Kontext.
- Nur sichtbar: die Nutzer, die durchkommen. Nicht die, die abspringen.
- Erfolgsgeschichten verzerren die Realität.
Tipp: Immer auch die “Unsichtbaren” betrachten: Abbrecher, Non-User, Non-Converter.
Fazit
Digitale Produkte entstehen nie in einem neutralen Raum.
Wir denken, wir entscheiden, wir entwickeln – und unsere kognitiven Verzerrungen entwickeln fröhlich mit.
Wer Biases versteht, gestaltet:
- klarere Kommunikation
- bessere User Experience
- datenbasierte Entscheidungen
- mutigere, aber realistischere Projekte
Oder anders gesagt:
Besser Fachsimpeln = Besser Arbeiten.
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