Vom Accessibility-Botschafter zum beeinträchtigten Nutzer. Seit 15 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit digitaler Barrierefreiheit. Ziel: Niemanden ausschliessen. Systeme so gestalten, dass sie für alle funktionieren.
Und plötzlich passiert es dir selbst.
Ostersonntag 🐰. Kurz vor Mittag.
Samnaun. Skipiste. Strahlender Sonnenschein. Freude pur. Dann ein Sturz. Ein gebrochener Arm. Der Schreibarm. Rechts. Von einer Sekunde auf die andere wird man vom Gestalter zum Betroffenen. Vom Ermöglichen zum Ausgeschlossen-Werden. Was vorher selbstverständlich war, funktioniert nicht mehr. Was vorher effizient war, wird mühsam. Was vorher zugänglich war, wird zur Barriere.
Wen kann es treffen? Jeden. Jederzeit. Und das sollte uns bewusst werden.
Als Rechtshänderin bedeutet das: Von einer Sekunde auf die andere funktioniert vieles nicht mehr – oder nur noch mit grossem Aufwand.
Was zunächst wie eine rein physische Einschränkung wirkt, entpuppt sich schnell als umfassende Barriere im Alltag. Und ganz besonders: als digitale Barriere in der Arbeit.
Ich erlebe gerade am eigenen Körper, was es bedeutet, wenn Systeme nicht auf Einschränkungen ausgelegt sind. Ein unfreiwilliger Selbstversuch in Sachen Barrierefreiheit.
Alltag mit nur einer Hand – plötzlich wird alles kompliziert
Viele Dinge, die vorher automatisch funktionierten, werden plötzlich zu echten Hürden:
- Oster-Eili auspacken 🐰
- Seifenspender drücken und gleichzeitig die gleiche Hand drunter halten
- Reissverschluss öffnen oder Jacke anziehen
- Schuhe binden
- Flasche öffnen
- Tasche tragen und gleichzeitig Türen öffnen
- Mit dem Auto zum Arzt fahren
- Essen schneiden
- Unterschreiben
- Medikamente aus Verpackungen drücken
Alles dauert länger. Vieles geht nur mit Improvisation. Und manches geht gar nicht. Man ist plötzlich auf andere angewiesen.
Diese physischen Barrieren sind präsent. Die digitalen dagegen oft unsichtbar – aber genauso einschränkend.
Digitale Barrieren: Arbeiten mit einer Hand
Am Computer zeigt sich besonders deutlich, wie wenig Anwendungen auf solche Situationen ausgelegt sind.
Beispiele aus meinem Alltag:
- Tastenkombinationen mit zwei Händen sind kaum möglich
- Maus und Tastatur gleichzeitig bedienen funktioniert nicht
- Drag & Drop ist mit einer Hand extrem mühsam
- Kleine Klickflächen mit links zu treffen ist schwierig
- Scrollen und gleichzeitig markieren geht nicht
- Multitasking wird fast unmöglich
- Schnell tippen mit der linken, ungeübten Hand: faktisch unmöglich
- Shortcuts, die Effizienz bringen würden, sind nicht einhändig nutzbar
- Formulare mit vielen Pflichtfeldern kosten enorm viel Zeit
- Tools ohne saubere Tastaturbedienung sind praktisch unbrauchbar
Was normalerweise 5 Minuten dauert, dauert plötzlich 20. Oder 30. Oder man bricht es einfach ab.
Und gleichzeitig ertönt der Appell des Arztes im Hinterkopf: “Der Arm muss weitestgehend hochgelagert und ruhig gehalten werden, damit er abschwillt und die Knochen sich nicht verschieben.”
Und genau hier zeigt sich: Digitale Barrieren führen nicht nur zu Frust – sie führen dazu, dass Menschen ausfallen.
Wenn Menschen Barrieren ausgleichen
Was in dieser Situation aber genauso auffällt: Wie stark Menschen Barrieren ausgleichen können.
Direkt nach dem Unfall auf der Skipiste wurde mir das sehr bewusst. Während meine Begleitung Hilfe holte, kümmerten sich andere Passanten um mich. Sie blieben stehen, sprachen mit mir, reichten mir Wasser. Jemand packte zur Feier des Tages sogar Oster-Eier 🐰 aus, pellte sie für mich aus der Folie, als mein Kreislauf zu kollabieren drohte.
Kleine Gesten – riesengrosse Wirkung.
In diesem Moment merkt man, wie viel es bedeutet, wenn Menschen aufmerksam sind. Wenn sie nicht wegschauen. Wenn sie spontan unterstützen. Wenn sie Barrieren überbrücken, die man selbst gerade nicht überwinden kann.
Auch später im Alltag erlebe ich das immer wieder. Mit dem Gips durch Menschenmengen zu gehen, fühlt sich plötzlich ganz anders an. Menschen weichen zur Seite. Sie machen Platz. Nicken einem mitfühlend zu. Sie sind vorsichtiger. Aufmerksamer. Rücksichtsvoller.
Diese Fürsorge verändert die Situation komplett. Die Barriere bleibt – aber der Weg wird leichter.
Und genau das zeigt: Barrierefreiheit ist nicht nur eine Frage von Systemen. Sie ist auch eine Frage von Haltung.
Konsequenz: Einschränkung bedeutet auch Leistungsbarriere
Wenn ich nicht mit zwei Händen arbeiten kann, fällt meine Produktivität massiv. Nicht, weil ich nicht will. Nicht, weil ich nicht kann. Sondern weil die Systeme nicht darauf ausgelegt sind.
Das bedeutet konkret:
- längere Abwesenheiten
- reduzierte Leistungsfähigkeit
- höhere Ermüdung
- mehr Fehler
- mehr Frustration
- weniger Selbstständigkeit
Und das bei einer temporären Einschränkung.
Temporär für mich – dauerhaft für andere
Mein Arm heilt. In ein paar Wochen funktioniert vieles wieder normal. Der Selbstversuch ist zeitlich begrenzt.
Für viele Menschen ist diese Situation aber Alltag:
- Menschen mit Lähmungen
- Menschen mit Nervenproblemen
- Menschen mit Amputationen oder Geburtsgebrechen
- Menschen mit chronischen Schmerzen
- Menschen mit Tremor
- Menschen mit eingeschränkter Motorik
- Erkrankungen wie MS, Parkinson, Rheumatoide Arthritis, Raynaud-Syndrom, Polyneuropathie, Bandscheibenvorfall etc.
Für sie sind diese Barrieren nicht vorübergehend. Sie sind permanent.
Wenn digitale Anwendungen nicht barrierefrei sind, bedeutet das nicht einfach “weniger Komfort”. Es bedeutet: Diese Menschen können sie schlicht nicht bedienen. Sie werden ausgeschlossen.
Barrierefreiheit ist kein Spezialfall
Mein gebrochener Arm zeigt: Einschränkungen können jederzeit entstehen. Unfall. Operation. Krankheit. Überlastung. Alter.
Barrierefreiheit ist deshalb kein Nischenthema für wenige. Sie betrifft uns alle – spätestens dann, wenn wir selbst betroffen sind.
Oder wie ich gerade feststelle: Barrierefreiheit versteht man erst richtig, wenn sie fehlt.
Der unfreiwillige Selbstversuch
Der Selbstversuch zeigt sehr deutlich:
Barrieren sind nicht nur bauliche Hindernisse. Barrieren entstehen überall dort, wo Systeme nicht flexibel genug sind.
Physisch. Digital. Organisatorisch.
Und manchmal werden sie durch Menschen aufgefangen.
Manchmal reicht ein gebrochener Arm, um sichtbar zu machen, wie wichtig Barrierefreiheit ist. Und wie wertvoll Menschen sind, die helfen, wenn sie fehlt.
Ich freue mich deshalb umso mehr darauf, bald wieder vom Betroffenen zurück in meine eigentliche Rolle zu wechseln – als Accessibility-Ermöglicher.
Dieser Artikel ist übrigens selbst Teil des Selbstversuchs: Er wurde mithilfe digitaler Assistenten diktiert – der ärztliche Rat wird schliesslich ernstgenommen.

(Das Beitragsbild ist KI-generiert, weil Daumen hoch noch ein paar Wochen warten muss)
Weiterlesen: Barrierefreiheit – in einer Sekunde zum Selbstversuch